Pressearchiv Detail

Montag, 27. Januar 2014

STV Willisau, Bobsport – Weltcuprennen in Königssee (D)

Was für ein Zeichen für die in drei Wochen beginnenden Olympiarennen in Sotschi! Fabienne Meyer und ihre Anschieberin Tanja Mayer feierten in Königssee den ersten Weltcupsieg. Und gewannen gleichzeitig EM-Gold.

von Renato Cavoli

«So geil!» Nein, das ist nicht ein Statement aus der goldenen Salt-Lake-City-Ära von Simon Ammann, der damals diesen mittlerweile «gut eingeführten» Ausdruck aus der vor- und spätpubertären Jugendsprache einigermassen salonfähig machte. Seinen ersten zwei von bisher vier Olympia-Goldmedaillen sei Dank. Es war gestern die 32-jährige Bobpilotin Fabienne Meyer, welche nach der Zieldurchfahrt im zweiten Lauf diese Worte über ihre Lippen brachte. «Da wusste ich, dass wir Europameister sind. Denn nach uns kam ja nur noch die Führende nach dem ersten Durchgang, die kanadische Olympiasiegerin von Vancouver 2010, Kaillie Humphries», so Fabienne Meyer.

Und als auch die Weltcupsiegerin der entfesselten Fahrt der ehemaligen STV-Willisau-Leichtathletin nichts entgegenzusetzen hatte und ihren Vorsprung von zwei Hundertsteln auf Meyer/Mayer einbüsste, war auch klar, dass es in Königssee für Meyer nicht «nur» zu EM-Gold gereicht hatte, sondern dass sie im letzten Weltcuprennen ihrer Karriere auch noch ihren ersten Weltcuprennen feiern durfte.

Zwei Fliegen auf einen Streich

Was Fabienne Meyer danach an emotionalen Ausbrüchen von sich gab, ist der Öffentlichkeit nicht überliefert. Die deutschen Fernsehkameras hatten ihren Fokus längst auf ihre eigenen Athletinnen gerichtet und werweisten mit grosser Ernsthaftigkeit darüber, wie man denn in Sotschi gegen die Teams aus Übersee und vor allem «gegen diese heute so überragend fahrende Schweizerin» bestehen könne.

Das hingegen hatte Fabienne Meyer und ihre erst 20-jährige Starterin Tanja Mayer definitiv nicht zu interessieren. «Es ist ein Wahnsinnsgefühl, ein unglaublicher Moment in meiner Karriere. Ich wollte immer an mindestens einem Weltcuprennen triumphieren und dazu etwas ‹Richtiges› gewinnen. Jetzt haben wir zwei Fliegen auf einen Streich geschlagen», sagt Fabienne Meyer. «Und wir haben nicht bloss eine weitere EM-Medaille, neben der bronzenen aus dem Jahr 2012, wir durften uns diesmal sogar Gold umhängen lassen. Und das nicht etwa, weil die Konkurrenz bluffte, oder mit der Ersatz-Anschieberin angetreten war, sondern weil wir in den beiden Durchgängen ganz starke Fahrten aufs Eis zauberten und in der Endabrechnung sämtliche Gegnerinnen hinter uns liessen. Das ist einfach grossartig.»

Diesen Erfolg, so die aus Altbüron stammende und in Willisau wohnhafte Pilotin, «wollen wir nun erst einmal geniessen. Doch schon bald müssen und werden wir den Fokus auf Sotschi richten. Dort wollen wir noch einmal das Beste aus uns herausholen.»

«Richtig Gas geben»

Olympia in Sotschi wird das letzte Rennen der Juniorenweltmeisterin von 2008 sein. Und wer Fabienne Meyer nur ein ganz klein wenig kennt, der weiss: Der Sieg in Königssee bringt keinen zusätzlichen Druck. Auch wenn sie jetzt von den deutschen Medien bereits als Mitfavoritin auf Olympia-Gold bezeichnet wird: Fabienne Meyer wird in Russland einfach «sich selbst» sein, wie sie sagt. «Ich will mir später nie den Vorwurf machen müssen, nicht alles versucht zu haben, um auch an Olympia um den Sieg mitfahren zu können. Deshalb werden Tanja und ich, zusammen mit dem ganzen Team, den Olympischen Winterspielen noch einmal alles unterordnen und richtig Gas geben.»

Fabienne Meyer war gestern, drei Stunden nach ihrem überragenden EM-Triumph, logischerweise in aufgeräumter, lockerer Stimmung. Für ihre Verhältnisse war die gelernte Hochbauzeichnerin sogar ein wenig euphorisch. Durfte sie auch sein. Sie weiss, die eingeschlagene Richtung stimmt. Sotschi, als letzter Höhepunkt einer schönen Bob-Karriere, kann kommen. «Alles, was jetzt noch auf uns wartet, ist Zugabe», sagt sie.

Fabienne Meyer will auch die «Zugabe» als letzten Akt einer tollen Sportlerinnen-Laufbahn geniessen.

Zweitletztes Puzzleteilchen

Der fünfte Rang an der Olympia-Hauptprobe im vergangenen Jahr hat Fabienne Meyers Zuversicht gestärkt. Der Sieg in Königssee war nun das zweitletzte Puzzlesteinchen ihrer Karriere. Zumindest ein wenig träumen darf man. Auch wenn die Teams aus Übersee, die russische Lokalmatadorin Olga Stulnewa und ganz speziell auch die deutschen Pilotinnen, für die in drei Wochen beginnenden Olympischen Winterspiele bereits Revanche geschworen haben.


Königssee (De). Letztes Bob-Weltcuprennen der Frauen, Saison 2013/2014:

1. Fabienne Meyer/Tanja Mayer (Sz) 1:44.01
2. Elana Meyers/Aja Evans (USA) 0,26 Sekunden zurück
3. Kaillie Humphries/Heather Moyse (Ka) 0,28
4. Sandra Kiriasis/Franziska Fritz (De) 0,31
5. Esme Kamphuis/Judith Vies (Ho) 0,35
6. Elfje Willemsen/Hanna Marien (Be) 0,47
7. Cathleen Martini/Christin Senkel (De) 0.50
8. Jazmine Fenlator/Loio Jones (USA) 0,56
9. Caroline Spahni/Ariane Walser (Sz) 1.10
10. Jamie Greubel/Lauryn Williams (US) 1,16
Ferner: 13. Anja Schneiderheinze/Lisette Thoene (De) 1,43
15 Bobs klassiert

Weltcup-Schlussstand nach acht Rennen:

1. Humphries (Ka) 1629 Punkte
2. Meyers (USA) 1628
3. Greubel (USA) 1563
4. Kiriasis (De) 1441
5. Martini (De) 1394
6. Schneiderheinze (De) 128
Ferner: 8. Fabienne Meyer (Sz) 1265
11. Caroline Spahni 1200

EM-Wertung 2014: 1. Meyer/Mayer (Sz). 2. Kiriasis/Fritz (De). 3. Kamphuis/Vis (Ho). – Ferner: 6. Spahni/Walser (Sz).