Etwas mehr als drei Monate nach dem Gewinn von Olympia-Bronze im Viererbob tritt Anschieber Andreas Haas zurück. Diesen Entscheid verkündete der 29-jährige Menznauer gestern Freitagmittag. Völlig überraschend kommt er nicht.
von Patrik Birrer
«Es gibt eine Tendenz. Aber ich will mir die nötige Zeit für diese wichtige Entscheidung nehmen.» So äusserte sich der Menznauer Andreas Haas kurz nach dem Gewinn von Olympia-Bronze im Viererbob im Interview mit dem WB Ende Februar. Das Statement liess darauf schliessen, was sich gestern Freitagmittag bestätigte: Der 29-jährige Anschieber tritt vom Leistungssport zurück. «Das wars. Ich habe wunderbare Erinnerungen gesammelt und durfte meinen Traum leben», schreibt er auf seinem Instagram-Account. Und: «Von jetzt an bin ich der grösste Fan vom Bobteam Vogt.»
«Der schönstmögliche Abgang»
Gedanken an einen Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2026 in Mailand/Cortina habe er sich schon seit längerer Zeit gemacht. Darüber habe er sein engstes Umfeld stets transparent informiert. Der Hauptgrund liegt auf der Hand: Der Aufwand, um auf allerhöchstem Niveau mithalten zu können ist enorm. Und wird in Zukunft sicher nicht kleiner. Wie in allen anderen Randsportarten investieren die Athletinnen und Athleten auch im Bobsport das ganze Jahr über enorm viel Zeit und Energie ohne Aussicht auf üppige Sponsoren- oder Preisgelder. Ebenfalls typisch für Sportarten, die mehrheitlich im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit stattfinden: Die Planung verläuft noch ausgeprägter in 4-Jahres-Zyklen von Olympischen Spielen zu Olympischen Spielen. «Natürlich wäre ein Rücktritt auch nächstes oder übernächstes Jahr möglich gewesen», erklärt Andreas Haas. Aber die Olympischen Spiele 2026 hätten sich schon im Vorfeld und damit unabhängig vom sportlichen Abschneiden als letztes grosses Highlight seiner Karrie-re herauskristallisiert. «Dass es dann sogar mit dem Gewinn einer Medaille geklappt hat, ist der schönstmögliche Abgang», so Andreas Haas.
Trotzdem habe er den Entscheid nicht überstürzen und sich die nötige Zeit lassen wollen. «Vor allem aber wollte ich diesen grossartigen Erfolg gemeinsam mit meinen Teamkollegen ausgiebig feiern und geniessen.» Genau das haben sie an mehreren Empfängen – unter anderem in Menznau – getan.
«Es bleiben nicht nur die Erfolge»
Die getroffene Entscheidung umzustossen vermochten auch die Versuche seiner Teamkollegen in dieser Zeit nicht mehr. «Klar gab es die eine oder andere Stichelei. Aber ich bin überall in meinem engsten Umfeld auf sehr viel Verständnis gestossen», so Haas. Der Zeitpunkt der Rücktrittserklärung ist keinesfalls zufällig. Als die Planung im Hinblick auf die nächste Saison bekannt wurde, war für den Menznauer rasch klar: Er will noch das erste Trainingslager gemeinsam mit dem Team absolvieren. Dieses fand in den vergangenen Tagen in Tenero statt. «Es hat ideal gepasst. Für die Jungs startete ein neuer Zyklus, für mich ging eine wunderbare Zeit zu Ende.» Seine Teamkollegen, Familie und engste Freunde sowie die Verbandsverantwortlichen habe er jedoch schon früher informiert.
Was aber bleibt von seinen knapp sechs Jahren im Bobsport? «Natürlich werde ich mich immer gerne an all die tollen Erfolge erinnern, doch bei Weitem nicht nur. Auch unzählige tolle Momente mit meinen Teamkollegen werden mir bleiben.» Idealisieren will er die Zeit im Spitzensport nicht. «Es ist nicht immer alles nur eitel Sonnenschein.» So habe er in den vergangenen zwei Jahren auch mit körperlichen Problemen, insbesondere Rückenschmerzen, zu kämpfen gehabt. «Spitzensport ist ein hartes Business, erfordert enorm viel Disziplin und Durchhaltevermögen.» Er habe viele Geburtstage und sonstige Familienanlässe oder Ausflüge mit Freunden verpasst. «Ich will mich nicht beklagen, schliesslich habe ich diesen Weg aus freien Stücken eingeschlagen. Aber ganz vielen Leuten ist nicht bewusst, was es für andere Bereiche im Leben bedeutet, im Spitzensport aktiv zu sein.»
«Mir wird nicht langweilig»
Und so freue er sich in den kommenden Tagen und Wochen insbesondere auf mehr Zeit mit Freunden und Familie. Auch sportlich wolle er aktiv bleiben. Aktuell besucht er regelmässig das Fussballtraining beim KTV Menznau und im Juni unterstützt er den Verein aus seinem Heimatdorf sowie den STV Willisau an je einem Turnfest. Zudem hat er diese Woche in Tenero erste Schritte in der Trainerausbildung gemacht. «Ich könnte mir vorstellen, künftig im Athletikbereich tätig zu sein», erklärt Andreas Haas. Und auch Sportarten, für die er bisher keine Zeit hatte, würde er gerne ausprobieren; zum Beispiel Tennis.
Entsprechend hat Haas keine Angst, nach seinem Rücktritt vom Spitzensport in ein Loch zu fallen. Schliesslich wird er auch beruflich als Leiter Fabrikation/Qualitätssicherung und Entwicklung bei seinem langjährigen Arbeitgeber Diwisa in Willisau weiterhin und nun wieder in einem grösseren Pensum gefordert sein. «Ich habe immer riesige Unterstützung erfahren. Jetzt gebe ich gerne wieder etwas zurück.» So könne er sich gut vorstellen, demnächst eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen. «Das kam in den vergangenen Jahren gezwungenermassen etwas zu kurz. Ich werde mich sicher zu beschäftigen und zu fordern wissen. Langweilig wird mir nicht.»
«Das Kribbeln wird fehlen»
Bleibt die Frage, was er künftig als Bobanschieber im Ruhestand am meisten vermissen wird? «Das Kribbeln an den Renntagen und allgemein die Zeit mit den Teamkollegen.» Wenn er Ende November beim Beginn der neuen Weltcupsaison vor dem Fernseher mit seinen ehemaligen Teamkollegen mitfiebern werde, dürfte er schon eine gewisse Wehmut verspüren. Aber nicht nur. «Das Rennenfahren war für mich immer das absolute Highlight.» Das werde ihm bestimmt fehlen. «Doch alles im Vorfeld: die langen Trainingstage an der Bahn, das Präparieren der Bobs und das Herumtragen des Materials werde ich kaum vermissen», meint er mit einem Lachen.
Andreas Haas ist mit sich und der getroffenen Entscheidung im Reinen. Dazu hat er auch allen Grund. Nach einer auf nationaler Ebene bereits sehr erfolgreichen Karriere als Sprinter, schaffte er im Bobsport den Sprung an die absolute Weltspitze (siehe Kasten) mit dem Gewinn von Olympiaedelmetall als herausragendem Höhepunkt. Diese Bronzemedaille wird ihm selbst und allen Sportfans aus unserer Region noch sehr lange in freudiger Erinnerung bleiben.
Von Anfang an äusserst erfolgreich – Die Erfolge
Berührungen zum Bobsport hatte Andreas Haas schon während seiner Zeit als Sprinter immer wieder. Im Zuge der Coronapandemie, die zu zahlreichen Absagen von Wettkämpfen führte, entschloss sich der Menznauer, den Umstieg zu wagen und sich künftig als Anschieber den Eiskanal hinunterzustürzen. Im Dezember 2020 feierte er im Zweierbob von Pilot Cédric Follador sein Europacup-Debüt (Rang 11). Nur zwei Wochen später kam Haas auch im Weltcup zu seiner Premiere. Auf der Bahn in Innsbruck realisierte er im Zweierbob mit Pilot Simon Friedli mit Rang 10 sogleich ein Top-Ten-Ergebnis. Ein erster grossartiger Erfolg folgte nur wenige Wochen später: Im Rahmen der Junioren-WM in St. Moritz gewann der damals 24-Jährige zusammen mit Pilot Michael Vogt und den Anschieberkollegen Silvio Weber und Sandro Michel Gold im Viererbob. Erneut nur zwei Wochen später wäre in Altenberg beinahe eine WM-Medaille bei den «Grossen» dazu gekommen: Zusammen mit Simon Friedli wurde Andreas Haas im Zweierbob Vierter.
Im weiteren Verlauf seiner Bobkarriere folgten zahlreiche weitere Top-Ten-Ergebnisse im Weltcup und 2022 in Yanqing respektive Peking die erste Teilnahme an Olympischen Spiele. Diese waren noch von grossen Einschränkungen im Zusammenhang mit der Pandemie geprägt und gemeinsam mit Pilot Simon Friedli sportlich nicht von Erfolg gekrönt (Rang 18 im Zweier, Rang 24 im Vierer).
Der Wechsel ins Team Vogt
Als Friedli ein Jahr später seinen Rücktritt bekannt gab, wechselte Andreas Haas im Hinblick auf die Saison 24/25 ins Team des besten Schweizer Bobpiloten Michael Vogt. In dieser Konstellation feierte der Menznauer im Februar 2025 in Lillehammer/Norwegen im Viererbob seinen ersten Weltcup-Podestplatz. Da dieses Rennen gleichzeitig als EM gewertet wurde, durfte sich Haas zusammen mit seinen Teamkollegen Michael Vogt, Gregory Jones und Amadou Ndiaye über Bronze freuen. Im Januar 2026 wiederholte das Team Vogt – nun in der Zusammensetzung Vogt, Dominik Hufschmid, Haas und Ndiaye – auf der Heimbahn in St. Moritz diesen Coup und realisierte erneut einen 3. Rang im Weltcup sowie EM-Bronze. Dieses Resultat kann im Nachhinein als Ankündigung gelesen werden für das, was am 21. und 22. Februar 2026 an den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo folgte: Das Team mit Pilot Michael Vogt und den Anschiebern Andreas Haas, Amadou Ndiaye und Mario Aeber-hard durchbrach die Phalanx der drei deutschen Bobs und gewann sensationell Olympia-Bronze. Es war die erste Schweizer Bobmedaille an Olympischen Spielen seit zwölf Jahren und gar die erste mit dem grossen Schlitten seit 20 Jahren. Für Andreas Haas war es der krönende Abschluss seiner bemerkenswerten Karriere als Bobanschieber.
Text: Willisauerbote, Patrik Birrer






