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Montag, 01. Februar 2021

Der Juniorenweltmeister aus Menznau

BOB Am vergangenen Sonntag wurde Andreas Haas in St.?Moritz als Anschieber im Viererbob von Pilot Michael Vogt Juniorenweltmeister. Für den Menznauer ist es der vorläufige Höhepunkt seines rasanten Aufstiegs in der für ihn noch immer recht neuen Sportart.

von Patrik Birrer

«Das ist alles schon ein bisschen unglaublich.» Diese Worte von Andreas Haas bringen die Geschehnisse vom vergangenen Sonntag in St.?Moritz treffend auf den Punkt. Dass der weltcuperprobte Schwyzer Michael Vogt auf der Heimbahn im Engadin den Junioren-Weltmeistertitel im Viererbob gewinnt, ist an sich keine riesige Sensation. Dass jedoch der 24-jährige Menznauer Andreas Haas Teil von Vogts Crew ist und als Anschieber wesentlich zum Gewinn der Goldmedaille beiträgt, hätte er sich vor einem Jahr nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Für die Junioren-WM freigegeben

Bereits am Samstag hatte Andreas Haas dem Zweierbob von Cédric Follador mächtig Schub verliehen. Die Startzeiten waren in beiden Läufen sehr ansprechend, am Ende klassierte sich das Duo auf dem guten 6.?Rang.
Dabei gehört der Menznauer seit vergangenem Sommer eigentlich zum Team von Pilot Simon Friedli. Weil der 29-jährige Solothurner aber zu alt für die Junioren-WM ist (siehe Kasten), gab er «seinen» Anschieber Andreas Haas für den Nachwuchs-Grossanlass im eigenen Land frei. «Er hat von Anfang an signalisiert, dass es für ihn kein Problem ist, wenn ich an der Junioren-WM in anderen Bobs mitfahren würde. Das war für mich natürlich eine geniale Sache», sagt Haas. Und die Verantwortlichen von Swiss Sliding hatte Haas ganz offensichtlich ebenfalls von seinen Fähigkeiten überzeugt. Andernfalls hätte er es nicht in den Schlitten des aktuell besten Schweizer Bobpiloten geschafft.

«Prädestiniert» für den Bobsport

Doch wie war dieser kometenhafte Aufstieg des ehemaligen Sprinters mitten in die Gilde der besten Schweizer Anschieber möglich? «Andreas ist aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen und seiner Leistungsfähigkeit prädestiniert für den Bobsport.» Das sagt nicht irgendwer, sondern Fabienne Meyer. Die 39-jährige Altbürerin amtet seit Oktober 2020 als Sportchefin von Swiss Sliding und blickt selber auf eine erfolgreiche Karriere als Bobpilotin und -anschieberin zurück. Sie kennt  den Menznauer bestens, ist seit Längerem seine Trainerin und weiss haargenau Bescheid über seine Fähigkeiten. Der Wechsel in den Bobsport sei immer wieder ein Thema gewesen. Zu etwas gedrängt habe sie ihn aber nie.
Bobpiloten verfügen traditionell über gute Kontakte in die Leichtathletik- und speziell in die Sprintszene. So kam der definitive Kontakt zwischen Simon Friedli und Andreas Haas im vergangenen März ohne direktes Zutun von Fabienne Meyer zustande. Lose Kontakte hätten schon zuvor bestanden. «Für mich stimmte der Zeitpunkt für einen Wechsel bisher aber nicht. Zum einen hatte ich noch Ziele in der Leichtathletik, zum anderen absolvierte ich eine berufsbegleitende Weiterbildung», sagt Haas, der als Leiter Qualitätssicherung bei der Diwisa in Willisau arbeitet und von seinem Arbeitgeber voll unterstützt wird.

Im technischen Bereich noch Luft nach oben

Schliesslich trägt auch die um sich greifende Corona-Pandemie im vergangenen Frühjahr zu Andreas Haas' Umstieg in den Bobsport bei. «Betreffend Leichtathletiksaison lag im März/April vieles in der Schwebe. Da schien mir der Zeitpunkt ideal, mich intensiver mit der Option Bobsport auseinanderzusetzen.»
Während den Sommermonaten bestreitet Haas in Emmen einmal wöchentlich ein Training mit dem Bobteam Friedli. Gleichzeitig profitiert er weiterhin vom enormen Know-how Fabienne Meyers. Sie passt das Leichtathletiktraining den besonderen Begebenheiten im Bobsport an. «Allzu grosse Veränderungen waren nicht nötig», sagt sie. Was einem Sprinter zugutekomme, helfe grundsätzlich auch einem Anschieber. Ein wesentlicher Unterschied allerdings: Während Haas als Leichtathlet tendenziell mit einem etwas zu hohen Gewicht kämpfte, kommt ihm dieses im Bob nun zugute. «Als Sprinter versuchte ich, mein Gewicht zwischen 90?kg und 95?kg einzupendeln. Aktuell wiege ich ziemlich genau 100?kg», erklärt Haas.
Die ideale Kombination aus Masse, Kraft und Geschwindigkeit zeichnet die besten Anschieber im Bobsport aus. Bei Andreas Haas stimmt dieses Verhältnis trotz seiner erst kurzen Zeit im Metier bereits auf sehr hohem Niveau. Im technischen Bereich dagegen hat er noch Luft nach oben. «Das ist ganz normal. Und daran können wir noch ausgiebig arbeiten», sagt Fabienne Meyer. So simpel das Anschieben eines Bobs für den Laien aussehen mag, so komplex ist es doch. Auf eisigem Untergrund den Bob in kürzester Zeit auf eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu beschleunigen und sich schliesslich möglichst geschmeidig in das für die Muskelprotze eher enge Gefährt zu zwängen, stellt höchste Anforderungen.

Erste Bobfahrten im Herbstin Winterberg

Damit, dass sich im Bobsport fast alles um die Piloten und kaum etwas um die Anschieber dreht, kann Andreas Haas gut leben. «Wir müssen uns nichts vormachen: Der wichtigste Mann im Bob ist jener an den Lenkseilen. Aber der beste Pilot kann ohne starke Anschieber nichts ausrichten.» Entsprechend stolz ist der Menznauer, seinen Teil zum Junioren-Weltmeistertitel beigetragen zu haben.
Dabei ist seine Jungfernfahrt in einem Eiskanal erst etwas mehr als drei Monate her. Nach den positiven Eindrücken im Sommertraining lädt ihn Simon Friedli im Oktober zu Trainingsfahrten auf der Bahn im deutschen Winterberg ein. «Vor der ersten Fahrt hatte ich schon ein mulmiges Gefühl», gesteht Andreas Haas. Aber er stellt sich der Herausforderung. Die Erinnerungen an die allererste Fahrt fasst er so zusammen: «Es hat geschüttelt und gerüttelt. Gerade ein Hochgefühl löste das bei mir nicht aus», sagt er und lacht. «Aber es war auch nicht so, dass ich sagen musste: Nie wieder!» Mit jeder Fahrt sei das Einsteigen ein bisschen besser gegangen und habe er eine etwas komfortablere Position im Bob gefunden. Nach sechs Fahrten in Winterberg ist definitiv klar: Andreas Haas und der Bobsport, das könnte etwas werden.

Selektion für die Aktiv-WM

Dann geht alles sehr schnell. Der Menznauer lernt rasch, überzeugt in den Trainings und bei Leistungstests. Am 6.?Dezember feiert er erneut in Winterberg mit Cédric Follador sein Europacup--Debüt (Rang 11). Nur zwei Wochen später ist Haas auf höchstem Niveau angekommen. Beim Weltcup in Innsbruck belegt das Duo Friedli/Haas Rang 10. Mitte Januar eine weitere Steigerung: Weltcup-Rang 8 im Zweierbob mit Simon Friedli und dann im Viererbob so etwas wie ein Ritterschlag: Andreas Haas darf den Schlitten von Michael Vogt anschieben. Und das nicht bei irgendeinem Rennen, sondern beim Heim-Weltcup in St.?Moritz. Dort schaut Rang 7 heraus und die Gewissheit: Er hat es in kürzester Zeit in den Kreis der besten Schweizer Bob-anschieber geschafft.
Der Titel bei der Junioren-WM ist der vorläufige Höhepunkt. Mehr geht aktuell nicht, könnte man meinen. Doch das ist nicht richtig: Dank seinen bärenstarken Auftritten in St.?Moritz wurde Andreas Haas für die Bob-WM in Altenberg/Deutschland Anfang Februar selektioniert. Dort wird er voraussichtlich im Zweier (mit Simon Friedli) und im Vierer (mit Michael Vogt) zum Einsatz kommen. Und eben: Irgendwie ist das alles schon ein bisschen unglaublich.