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Sieben Tore pro Spiel - für sie und ihn
Handball, 1. Liga
rec. Mit der weit über unsere Region hinaus für Aufsehen sorgenden Geschichte,
dass ein Ehepaar auf Stufe 1. Liga je den Titel eines Torschützenkönigs,
beziehungsweise einer Torschützenkönigin, erobert hat, beginnen wir unsere
Bilanz zur eben erst abgelaufenen Saison der Handballerinnen und Handballer. Die
Rede ist also heute von Sabine und Thomas Büchli vom TV Willisau. Sie erzielte
für das Fanionteam der Frauen in 18 Spielen 130 Tore, was einen Schnitt von
sieben Mouchen pro Partie ergibt. Sabine Büchli ist damit 1.-Liga-Topskorerin
vor Manuela Stampfli (KTV Altdorf), welche 119 Treffer erzielte. Sabines Ehemann
Thomas Büchli skorte 173-mal in 23 Partien, was ebenfalls einen Schnitt von 7
Treffern pro Match ergibt. Er, der Ausnahmekönner im TVW-Fanionteam der Männer,
holte sich den Torschützenkönigstitel vor Gabriel Gmür (SG Luzern/Stans II, 168
Tore). Das treffsicherste Handballer-Ehepaar der Schweiz. Eine aussergewöhnliche
Geschichte. Wir haben «die Büchlis» und ihren dreijährigen Sohn Brian zu Hause
besucht.
Die Büchlis - oder wenn Skoren zur Familiensache wird
Handball: 1.-Liga-Torschützenkrone für Sabine und Thomas Büchli
Renato Cavoli
Wir Schweizer sind definitiv kein Land, das seinen Königinnen und Königen
huldigt. Da gibts die kleine Geschichte mit dem heute als Weinhändler sein Brot
verdienenden Petar Aleksandrov. In den 90er-Jahren treffsicherster Fussballer
und Torschützenkönig in unserem Land. «In meiner Heimat Bulgarien», erzählt er,
«erhalten Torschützenkönige einen Pokal. In Deutschland gibts eine in Bronze
gegossene kleine Kanone. Und hier? Nichts. Nicht einmal eine Medaille, die du
später deinen Kindern und Grosskindern zeigen kannst.» Ein Pokal, von einer
Kanone ganz zu schweigen, gibts auch bei den Handballern nicht. Sonst würden
jetzt an der Geissburgstrasse 13d in Willisau, im schmucken Häuschen von Sabine
und Thomas Büchli, gleich zwei davon stehen. Was als Zeugnis und «Beweis» ihrer
bemerkenswerten Treffsicherheit für die Nachwelt bleibt, ist bestenfalls der
trockene Internet-Ausdruck der SkorerlisteS und diese Zeitungsseite. Doch Sabine
und Thomas Büchli nehmens gelassen und denken auch in der Stunde des gemeinsamen
Triumphes an ihre jeweiligen Teamkolleginnen und -kollegen. «Ohne die Mithilfe
der Mannschaft läuft im Handball nichts. Ohne unsere Mitspieler hätten wir nicht
so viele Tore erzielt. Also wenn schon, dann hätten auch sie eine Trophäe
verdient» sagt Thomas.
Also lassen wir das mit den Trophäen. Die Genugtuung, nach einer langen Saison
in der Wertung der besten Skorer ganz oben zu stehen, ist gross genug. «Doch,
doch», sagt Sabine, «in den letzten Wochen habe ich schon das eine oder andere
Mal im Internet nachgeschaut, ob ich noch in Führung liege. Und hie und da haben
wir auch ein wenig über unsere gemeinsame Leaderrolle in diesem Klassement
gescherzt und uns gegenseitig etwas Druck gemacht. Aber wirklich nur im Spass.
Denn erzwingen lässt sich in unserem Sport nichts. Und kein Spiel läuft so wie
das andere.»
Thomas Büchli nickt zustimmend bei den Ausführungen seiner Ehefrau. Doch seine
Aufmerksamkeit gehört in diesem Augenblick Sohn Brian, der heuer, am 23. Mai,
drei Jahre alt wird. Ob er später auch mal? Bei diesen Erbanlagen? «Gestern
wollte er Fussballer werden, heute Handballer, und morgen wohl wieder etwas
anderes», sagt Thomas Büchli, den sie in der Handballerszene «Lee» nennen.
«Schön wäre es einfach, wenn Brian später einmal einen Mannschaftssport
betreibt», sagt seine Mutter. «Miteinander siegen und verlieren, etwas zusammen
aufbauen und erreichen, das ist eine optimale Lebensschule.»
Vorerst aber ist Brian so, wie dreijährige Buben sein müssen. Lebhaft, immer in
Bewegung, an vielem interessiert. Im Moment vermag ihn sein Kinder-
erkzeugkasten noch mehr in den Bann zu ziehen als ein Ball. Der kleine Hammer
oder die Plastiksäge machen schon mal Bekanntschaft mit dem gläsernen Salontisch
Aber so ganz lässt ihn das Gespräch des WB-Reporters mit seinen Eltern dann doch
nicht kalt. «Dänk Handbau», sagt er auf jeden Fall auf die, zugebenermassen
wenig witzige Frage nach seinem Zukunftswunsch.
Die Zukunft. Bei den Büchlis wird sie, in sportlichen Belangen, nur noch Jahr
für Jahr geplant. «Ich mache noch eine Saison weiter», sagt Thomas, der 35-
ährige. «Aber ich will auf keinen Fall einem Jungen den Platz wegnehmen. Und es
ist nicht so, dass ich mir nicht auch schon Gedanken über das Ende meiner
Aktivkarriere gemacht habe. Ganz im Gegenteil. Aber noch habe ich das Gefühl,
auf dem Feld etwas bewegen und dem Team helfen zu können.»
Was keiner im Umfeld des TV Willisau in Frage stellt und dem die jeweiligen
Gegner auf dem Platz ebenfalls vorbehaltlos zustimmen müssen. Das gilt auch für
Sabine Büchli. Sie wird heuer 32-jährig. Die Kaufmännische Angestellte arbeitet
noch zu 50 Prozent bei der Swisscom im Aussendienst. «Auch für mich macht eine
längerfristige sportliche Planung keinen Sinn mehr. Da muss man realistisch
sein. Ich habe zum Beispiel auch für nächste Saison erst nach einer längeren
Bedenkzeit zugesagt. Auf der anderen Seite», so die Rückraumspielerin weiter,
«ist da immer noch der Spass am Handball, das Teamerlebnis. Leicht habe ich es
mir nicht gemacht mit meinem Entscheid, noch eine Saison anzuhängen. Ich hoffe
einfach, dass wir noch die eine oder andere erfahrene Kraft nach Willisau holen
können. Das wäre auch für unsere vielen jungen Spielerinnen gut. Sie hätten so
noch etwas mehr Zeit, in eine Führungsrolle hineinzuwachsen. Viele vergessen,
dass es in Willisau erst seit sechs Jahren Frauen-Handball gibt. Und wir sind in
dieser kurzen Zeitspanne bereits bis in die dritthöchste Klasse des Landes
aufgestiegen. Was wir erreicht haben, ist einmalig. Aber es kann nicht immer in
diesem horrenden Tempo weitergehen.» Es ist aber gut zu wissen, dass Sabine
Büchli sich entschlossen hat, dem Team der beiden Trainer Ernesto Piazza und
Heinz Flückiger auch in der nächsten Saison zu helfen. Nach dem Rücktritt von
Margrit Bieri-Sidler hätte die Equipe das Out der zweiten Leaderin wohl kaum
verkraftet.
Doch die nächste Saison ist jetzt, in diesen Tagen, noch kein Thema. Jetzt gilt
es erst einmal die letzte, lange Meisterschaft zu verdauen. Zeit haben, das
Familienleben mit Brian zu geniessen. Und sich vielleicht auch wieder einmal
daran zu erinnern, wie das mit den «Büchlis» seinerzeit begann. «Das war vor
neun Jahren. Ich spielte damals beim TV Dagmersellen an einem Turnier in Olten»,
erinnert sich Thomas Büchli. «Ich sehe die hübsche Frau am Zeitnehmertisch noch
heute vor mir. Und weil ich beim Einspielen meinen Blick immer wieder in jene
Richtung schweifen liess, fiel das natürlich auch meinen Teamkollegen auf. Für
die entsprechenden Sprüche brauchte ich nicht selbst zu sorgen.»
Was also mit einem Blick Richtung Zeitnehmertisch und einer jungen Dame namens
Sabine Rudolf, damals Mitglied beim HV Olten, begann, war aber noch lange nicht
der Anfang einer handballerischen «liaison d¦amour». «Das hat noch ein ganze
Weile gedauert», sagt Sabine Büchli. «So lange, dass ich mich schon gefragt
habe, was der überhaupt von mir will. So hie und da mal ein Gruss aus der Ferne,
übermittelt von einem Kollegen, das hält dich schliesslich auf Dauer auch nicht
bei Laune»
Nun, es hat dann doch noch gefunkt. An einem bei Handballern so beliebten und
traditionellen Spaghetti-Essen. «Es war aber auch höchste Zeit», scherzt Sabine.
Geheiratet wurde im Frühjahr 2001. Und mit Sohn Brian ist das Glück der beiden
nun seit drei Jahren komplett. Ganz werden die beiden wohl auch nach ihrer
Aktivkarriere nicht vom Handball loskommen. Thomas Büchli ist neben seiner Rolle
als Leader auf dem Feld auch noch in der Handball-Leitung des Vereins tätig. Und
auch Sabines immense Erfahrung, sie spielte früher auch in der Nationalliga B
bei Herzogenbuchsee, möchte der TVW später nicht gerne verlieren. Wer der gross
gewachsenen, treffsicheren Shooterin zuhört, der spürt, wie viel sie dem
Handball noch immer geben kann, wie sehr sie diesen Sport kennt und liebt. Einen
Sport, den sie von Kindesbeinen an betrieb. «Meine Eltern wussten immer, wo ich
war», sagt sie. «Der Handball war, so gesehen, auch eine Art Rückhalt.»
Und «Lee»? Der als Kaufmännischer Angestellter bei der Folag AG in Neuenkirch
arbeitende Teamsenior des TVW hat, wie seine Frau, eine grosse Saison hinter
sich. Und er will in der nächsten Spielzeit mithelfen, das Team auf einem guten
Weg zu halten. «Wir haben talentierte Junge», sagt er. «Das stimmt mich
zuversichtlich»
Gewiss: Nicht jeder aus dem TVW-Nachwuchs wird dereinst der Klasse von Thomas
Büchli gerecht werden können. Das braucht es auch gar nicht. Aber in den
Trainings genau hinschauen und in der nächsten Zeit von «Lees» Fähigkeiten
profitieren. Das können alle. Gleiches gilt für Sabine Büchli. Die «Büchlis»
machen weiter. Noch ein Jahr. Vorerst.