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Nebel, Blitze und Ringer-Trost


Die etwas andere Derby-Sicht

Klaus Marti

Samstag, 21.30 Uhr, BBZ-Halle Willisau: Drei, vier Dagmerseller Handballer liegen müde und freudetrunken zugleich auf dem Hallenboden. Sie verstehen offenbar die Welt nicht mehr. Wieder haben sie die Hinterländer auf deren Platz bezwungen: 22:20. Die TVD-Fans auf der Tribüne kommunizieren den Erfolg auf ihre Weise. Sie liegen nicht. Jubelnd, johlend und klatschend geben sie ihren Emotionen freien Lauf.

Auf der andern Platzhälfte: Die Mienen verraten Konsternation. Die TVW-Handballer überspielen diese und danken mit einer angedeuteten Welle dem Publikum für ihr Kommen. «Schnell diesen Match vergessen», höre ich neben mir einen TVW-Fan murmeln. Das Wechselbad der Gefühle verwirrt mich. Es hatte während des ganzen Matchs geherrscht.

Dabei hatte der Abend für die Willisauer speziell begonnen. TWV-Handballchef Beat «Geisse» Mehr präsentiert stolz drei prominente Matchballspender: Robert Küng, Lukas Peter, Markus Schärli - drei Geschäftsleute aus Willisau. 60 (!) Matchbälle wurden aus ihren Geldbeuteln finanziert. Der Applaus ist ihnen gewiss.

Speziell auch der Matchbeginn. Die Dagmerseller Spieler präsentieren sich in der Halle. Von den Willisauern keine Spur. «Getrauen sie sich nicht auf den Platz?», neckt hinter mir ein Mann. Das Licht in der Halle erlischt. Stroboblitze zucken durch die Halle, Kunstnebel schleicht umher. Willisaus Handballer eilen einzeln auf den Platz. Wie der Match zeigen wird: Nebel und Blendung bleiben nicht ohne Wirkung.

Die Nervosität der Spieler beider Seiten lässt das 750-köpfige Publikum kalt. Stumm verfolgt es das wenig berauschende Geschehen. In der ersten Viertelstunde fallen lediglich sechs Tore. Die gelärmten Anweisungen der Coaches tönen wie in einer Kirche. Sie verhallen offensichtlich ohne Auswirkungen. Die vielen Tiefschüsse zeigen das Matchniveau auf. Die beiden Goalies parieren sie problemlos.

Erst ab der 28. Spielminute erwachen die Fans. Die Willisauer zuerst, die Dagmerseller immer noch verhalten. Einzig auf der Dagmerseller Bank zeigt man Emotionen. Im Spiel und in der Pause bestürmt der Coach die Schiris. Sie pfeifen offensichtlich nicht nach seinen Erwartungen. Aber das ist das einzig Bemerkenswerte der ersten Halbzeit.

Was in der zweiten Halbzeit folgt, ist auf meinem Notizblatt stichwortmässig gekritzelt: «Desolat», «hektisch», «planlos» steht da, mehrmals sogar. Selbst die Schiris lassen sich vom Geschehen auf dem Platz anstecken. Eines ändert sich wenigstens. Die Fans erwachen. Endlich kommt Derbystimmung auf. Und die Dagmerseller wittern Morgenluft - Spieler wie Fans. Der einstige 8-Tore-Vorsprung der Willisauer ist dahin. Und als in der 57. Minute die erstmalige Führung der Gäste Tatsache wird, ist der Jubel der TVD-Fans noch grösser. Und beim Schlussresultat von 22:20 am grössten. Wen wunderts?

«Wie manche Ringermedaille haben die Dagmerseller bereits errungen?», frotzelt ein Willisauer eine halbe Stunde später an der Bar im BBZ. «Keine!» gibt er die Antwort gleich selbst. Mit Galgenhumor scheinen die Willisauer Fans das Handballresultat zu verarbeiten. Doch die Dagmerseller sehen das völlig anders. Erneut haben sie den Willisauern eins ausgewischt, den Favoriten straucheln lassen. Und wer denkt dabei schon ans Ringen. Die Dagmerseller auf jeden Fall nicht. Und recht haben sie.